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Reisebericht März 2009,
geschrieben von Herrn Werner Schmid
Reisebericht über einen Besuch im Waisenhaus in
Radoskowitschi/Weißrußland im März 2009
Was tun, wenn ein 12 jähriges Kind noch nie im Leben jemanden zu Besuch gehabt hat?
Diese Frage beschäftigt meine Familie.
Wir haben das Mädchen aus Radoskowitschi schon mehrmals in den Ferien bei uns gehabt. Jedes Mal freuen wir uns. Also beschließen wir, einer von uns fährt da hin.
Da ich Zeit habe, setze ich mich mit den Verantwortlichen in Stein/Roßtal in Verbindung.
Es gibt schon jemanden, der sich für die gleiche Sache angemeldet hat.
Ein Glücksfall für mich! Helmut ist ein Weißrussland-Profi.
Wir planen gemeinsam den Besuch.
Die Alternativen sind: 30 Stunden Busfahrt oder Flug nach Berlin mit Weiterflug nach Minsk, was eine Gesamtflugzeit von ca. 3 Std. bedeutet. Da Helmut und ich nicht mehr die Jüngsten sind, entscheiden wir uns für das Fliegen.
Es ist Mitte März 2009. Wir kommen im noch schneebedeckten Minsk an. Alles läuft bisher glatt. Wird auch hier alles klappen?
Ich spreche überhaupt kein russisch. Das bedrückt mich ein wenig.
Dann im Flughafengebäude steht die erste Prüfung an.
Passkontrolle und Abschließen einer Reiseversicherung für die geplanten 7 Tage.
Wer hat nicht schon mal eine Versicherung in Deutschland abgeschlossen.
Mir schwant Fürchterliches.
Es sind nur eine handvoll Reisende, die diese Versicherung benötigen. Die anderen scheinen Weißrussen zu sein.
Helmut und ich stellen uns an. Die junge Frau wickelt die Formalität souverän ab,
fast zu schnell. Wir wären nicht böse gewesen, wenn sie sich ein wenig mehr Zeit gelassen hätte. Weißrussland hat sehr schöne Frauen!
Welche Überraschung, als wir das Flughafengebäude verlassen! Wir werden vom Direktor des Waisenhauses und Ludmila, der Dolmetscherin, persönlich abgeholt.
Die Strassen vom Flughafen nach Radoskowitschi sind neu und brauchen keinen Vergleich mit deutschen Autobahnen oder Landstrassen zu scheuen.
Keine Stunde ist vergangen und wir treffen im Heim ein.
Da warten sie schon, die zwei Mädchen. Sie haben jetzt Besuch. Natürlich sind die
Geschenke nicht unwichtig. Ich glaube, Helmut und ich haben uns über die Freude der Mädchen mindestens genauso gefreut.
Ich bin hier der Neue. Was wird überwiegen positives oder negatives?
Da ich schon vieles erzählt bekommen habe, beginne ich sofort mit Erkundungen.
Meine Neugierde bringt schnell Ergebnisse.
Die Unterkunft hier im medizinischen Zentrum mit gut eingerichteten Einzelzimmern passt.
Die Sauberkeit fällt auf, auch in den nächsten Tagen werde ich das immer wieder erstaunt zur Kenntnis nehmen. Heerscharen von Frauen, die reinigen, wischen, putzen, aufräumen.
Die Freundlichkeit der Verantwortlichen ist riesig. Igor, der Direktor kauft noch für uns ein, unter anderem das berühmte russische Wässerchen. Eine ganze Flasche. Das würde zu Hause auf Jahre ausreichen. Helmut und ich sind zufrieden. Es ist schön, hier zu sein.
Das Abendessen wird serviert. Danach erinnern wir uns mit den Kindern an bereits verlebte gemeinsame Stunden. Um 20:30 müssen die Kinder wie immer im Heim sein.
Ein jeder, der Weißrussland besucht, muss seine Aufenthaltserlaubnis nach der Ankunft polizeilich beglaubigen lassen. Igor fährt uns am nächsten Morgen nach Molodetschno.
Er erledigt für uns die Formalitäten. Währenddessen haben wir die Möglichkeit, uns ein wenig in der Stadt umzusehen. Alles ist großzügig angelegt. Molodetschno hat Platz.
Wir nutzen die Gelegenheit, um Euro in Rubel umzutauschen. Ich schiebe meinen Euroschein durch ein kleines Schubfach. Kaum zu erkennen, ob drinnen jemand sitzt. Muss wohl, da Helmut seine Rubel bereits entnommen hat. Komme mir ein wenig vor, wie zu Sowjetzeiten. Geldtausch ist geheim, vielleicht sogar ein wenig illegal. Instinktiv schaue ich mich um und verstaue meine Rubel.
Radoskowitschi ist nicht groß an Einwohnern. Aber auch hier staune ich über die Weitläufigkeit des kleinen Ortes. Bunte kleine Häuser reihen sich aneinander. Ziehbrunnen stehen vor den Häusern, abgedeckt mit Holzbrettern. Ich schaue einem alten Mann zu, der mehrmals den Metalleimer in die Tiefe lässt und mit kristallklarem Wasser wieder heraufzieht. Er bemerkt mich. Lächelnd winkt er mich heran. Ich darf ihm zuschauen.
Zufriedenheit huscht über sein Gesicht, als er seinen mitgebrachten Eimer voll hat und den Brunnen schließt.
Gelbe Rohre ziehen sich vor den Häusern entlang. Wir rätseln über deren Inhalt. Vermutlich sind es Gasleitungen. Erst als wir einen ebenfalls gelben Kasten mit Zählern entdecken, erhärtet sich unsere Vermutung. Hier darf kein Automobil von der Strasse abkommen.
Groß ist diese Gefahr allerdings noch nicht. Der Straßenverkehr beschränkt sich auf wenige Autos (oder noch weniger!), Traktoren, Zweiräder oder Pferdewagen.
Wir gehen an der Keramikfabrik vorbei. Sie sieht wahrscheinlich aus wie jede andere gut gerichtete Keramikfabrik auf der Welt. Man erzählt uns, dass sie schon bessere Tage hinter sich hat.
Die Belegschaft nimmt stetig ab. Trotzdem ist sie noch der größte Arbeitgeber am Ort.
Wir wollen uns die Produkte anschauen. Im Innern wartet ein Ausstellungsraum auf Kundschaft. Während wir die Gegenstände anschauen, sind und bleiben wir die einzig Interessierten. Ich muss zugeben, dass ich wenig von dem, was ausgestellt ist, gebrauchen würde. Trotzdem sieht man, dass die Dinge mit Liebe und viel Geschick hergestellt sind.
Neue Ideen werden vielleicht kommen. Sie müssen kommen. Die Menschen hier brauchen dringend Arbeit und Brot.
Gespannt bin ich auf den Schulunterricht im Waisenhaus. Ludmilla, die Dolmetscherin und Englischlehrerin lässt uns heute Morgen am Unterricht in verschiedenen Klassen teilhaben.
Ich wähle zunächst Weißrussisch Unterricht.
Es steht Grammatik auf dem Plan. Gegenseitige höfliche Begrüßung von Lehrerin und Schulkindern -- da ich seit Jahrzehnten an keinem Schulunterricht mehr teilgenommen habe, erstaunt mich dieser höfliche Umgang.
Ich verstehe kein Wort russisch. Trotzdem kann ich dem Unterricht folgen. Die Lehrerin erklärt die Logik des Satzaufbaus pädagogisch sehr gut. Nach der Stunde werde ich durch Befragung einer Schülerin über den Inhalt der Schulstunde bestätigt.
Meine zweite Unterrichtsstunde steht bevor. Fach Englisch in der 6.Klasse. Ich bin gespannt. Die sechste Klasse besteht aus 6 Kindern, verteilt auf drei Schultische nebeneinander. Drei Schultische in einem Klassenzimmer, in dem 30 bis 35 Kinder Platz hätten. Ein paradiesischer Zustand. Die Glocke läutet, die Stunde fängt an. Die Kinder schwirren weiter durch den Raum. Kein Lehrer kommt.
Eine große Schülerin betritt den Raum und erklärt, dass der Lehrer mit anderen Kindern im Schullandheim weilt. Mühsam erarbeite ich mir diese Information. Ich bin jetzt umlagert.
Irgendetwas muss ich tun. Ein Kind streckt mir das Englischbuch entgegen.
Na gut ich tus.
Ich gebe Englischunterricht in Weißrussland.
Der Direktor lässt uns suchen. Helmut und ich sind mit 4 Kindern von Igor zum Besuch des Freizeitdorfes Dudutki eingeladen. Dudutki ist ziemlich neu und unter privater Regie erbaut. Es ist eine Mischung aus Streichelzoo, Freilichtmuseum, Bauernhof und Berufe des Mittelalters. Verköstigungen können in der alten Backstube, in der Käserei oder in der Brennerei eingenommen werden.
Die Kinder sind begeistert. Helmut und ich staunen über das gesamte Ensemble. Alles ist gut gemacht, informativ, unterhaltsam und abwechslungsreich. Es wird sicherlich ein Besuchermagnet für die Zukunft.
Igor und der Fahrer des Waisenheimbusses bringen uns wieder sicher zurück nach Radoskowitschi.
Die Überraschung für Helmut und mich: Wir sind am Abend bei Ludmila zum Essen eingeladen.
Gott sei dank haben wir ein kleines Präsent im Koffer. Wir machen uns zu Fuß auf den Weg. Es gibt an verschiedenen Orten eine richtige Aufbruchstimmung. Ein großes Neubaugebiet ist in schönster Wohnlage am Hang erschlossen. An den Rohbauten sieht man, dass es auch begüterte Weißrussen gibt. Daneben stehen renovierte Wohnblocks. Ich stelle mir vor, wie es hier im Mai aussieht, wenn die Bäume blühen und die Wiesen grün sind.
Ludmila hat gezaubert. Sie tischt auf. Wir essen, trinken und diskutieren. Es ist ein Glück, Ludmila spricht perfekt deutsch.
So können wir nach dem Essen die Zeiten des Austausches für den kommenden Sommer absprechen. Wir nehmen Dokumente für die Zentrale der Weißrusslandhilfe in Stein/Roßtal entgegen.
Für Samstag haben wir mit Ludmila verabredet, nach Minsk zu fahren. Wir fahren mit dem Überlandbus. Wir fahren im von Leuten voll gestopften Bus ca. eine Stunde. Hier drängen sich Leute aller Couleur. Es ist interessant zu beobachten, Angenehmes und Auffallendes. Sicherlich werde ich mich noch lange an diese Busfahrt erinnern.
Minsk ist riesig. Nicht umsonst gibt es eine U-Bahn. Ludmila zeigt uns den Stolz der Hauptstadt, die Nationalbibliothek. Es ist ein riesiges Gebäude in der Form eines Diamanten.
Wir betreten die Bibliothek. Überall mit Glas vertäfelt macht das Gebäude einen äußerst freundlichen Eindruck. Hier lässt sich gut lernen.
Wir fahren wieder mit der U-Bahn retour in das Stadtzentrum zum Nezavisimosti Prospekt.
Die Mädchen und Ludmila gehen jetzt ein wenig shoppen. Es gibt alles zu kaufen, aber die Preise der Geschäfte liegen beinahe auf Westniveau. So muss mit der Kaufkraft eines durchschnittlichen Verdienstes jede Geldausgabe wohlüberlegt sein.
So ist es gut, dass Helmut und ich heute mit einer Einladung zum Mittagessen im Restaurant an der Reihe sind.
Trotz der eisigen Kälte bummeln wir anschließend noch durch Minsk und treffen am Tsentralnaja Ploschad rein zufällig auf die Folkloregruppe Haroschki. In Trachten gekleidet bieten sie weißrussische Lieder und Tänze. Es sind genau solche Weisen, mit denen ich gedanklich bisher Alt-Russland verbunden habe.
Natascha ist das Mädchen, das schon jahrelang zu Helmut in die Familie kommt. Sie spricht beinahe perfekt deutsch. Das ist für uns zwei Ausländer ein großes Plus im übrigen Alltag unseres Besuches in Radoskowitschi.
So hat Helmut ihr versprochen, die verheiratete Schwester von ihr in einem kleinen Dorf nördlich von Molodetschno zu besuchen. Ludmila organisiert wieder alles in souveräner Manier. Sie bringt vom Heim ein paar Geschenke für Nataschas Neffen mit. Auch Helmut freut sich, hier ein wenig zu helfen.
Gerne schauen wir uns Haus und Hof der Schwester in diesem kleinen Dorf Krivoje Selo an.
Hier hat man den Eindruck, dass doch noch Nachholbedarf auf dem flachen Lande besteht.
Die Menschen leben hauptsächlich von der Arbeit bei der ortsansässigen Kolchose. Hier sieht man wiederum deutliche Anstrengungen im Hinblick auf modernes Arbeiten. Gebäude und Wohnhäuser sind neu, teilweise sind Einfamilienhäuser für Arbeiter und Angestellte der Kolchose in Fertigstellung. Das lässt hoffen.
Wir verlassen Krivoje Selo und fahren zum Mittagessen nach Wilejka. Mangels guter Restaurants hat Ludmila uns zu einer guten Bekannten zum Essen eingeladen. Ich habe das zwar von Ludmila bereits angedeutet bekommen, war mir aber über die Bedeutung nicht recht bewusst. Habe ich je an der Gastfreundschaft von Weißrussen gezweifelt?
Wenn ich es denn getan habe, so mag mir Weißrussland jetzt verzeihen. Der Tisch biegt sich unter den Speisen. Es ist ein Silvester-Buffet! Helmut und ich sind überwältigt. Weitere Gäste treffen ein. Es scheint so, wir sind angekündigt und man will uns treffen. Schon nach kurzer Zeit trinken wir den ersten Wodka zusammen. Die Hausfrau räumt leere Schüsseln weg, bringt noch mehr Speisen. Rotwein und russischer Krimsekt werden gereicht. Es ist schade um den Nachtisch, der kaum noch angefasst wird. Wir schließen mit Tee.
Wirklich interessant waren die Gespräche. Es scheint so, als ob die Weißrussen von ihrer eigenen Geschichte erst in den letzten Jahren alles erfahren haben.
Wir sind in unserem Zimmer und packen für die Heimreise.
Schnell ging diese Woche vorbei. Ich schau mich noch einmal um. Es ist jetzt ein gutes Waisenhaus in jeder Beziehung. Man hat mir gesagt, es ist nicht immer so gewesen.
Ich habe den Eindruck, die Kinder hier sind im Rahmen dessen, was ohne Eltern möglich ist,
glücklich. Helmut und ich haben einmal einen Moment erlebt, wo wir dieses ganz deutlich gespürt haben. Vier Kinder, die uns bereits gekannt haben, rennen uns zufällig entgegen. Irgendwo haben sie Schokoladebonbons ergattert. Abrupt bleiben sie bei uns stehen, leeren ihre Taschen und schenken uns massenweise ihre Bonbons. Sie tun das gerne. Man sieht das. Sie strahlen uns an. Sie machen uns eine Freude Bonbons Kinder.
Werner Schmid
27.03.2009
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1917-1919
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1920/22-1937
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1937-1940
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1940-1991
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1991-1995
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| seit 17.06.1995 |
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